Interview für Wetzlarer Neue Zeitung ..Es ist nie zu früh und nie zu spät..

WETZLARER NEUE ZEITUNG

Von Gert Heiland, 16.11.2018

..Es ist nie zu früh und nie zu spät..

INTERVIEW: Günter Pfeifer hilft Ratsuchenden bei einer Patientenverfügung

Interviewbild WNZASSLAR-WERDORF | Eigentlich sollte sie jeder haben, aber viele können sich nicht mit einer Patientenverfügung anfreunden, weiß Günter Pfeifer (64). Der Werdorfer ist Berater der Zentralstelle Patientenverfügung und wirbt dafür, frühzeitig seinen Willen zu dokumentieren.

Herr Pfeifer, was ist ein Berater für Patientenverfügung?

Pfeifer: Die meisten Menschen haben sich schon über eine Patientenverfügung Gedanken gemacht oder zumindest davon gehört, es aber als zu schwierig befunden und ad acta gelegt. So ging mir das auch. Und als ich mich mit dem Thema dann intensiver beschäftigte, habe ich festgestellt, dass das ein „normaler“ Mensch nicht alleine schafft. Darum habe ich gesucht, welche Möglichkeiten es gibt, und bin bei der Zentralstelle Patientenverfügung in Berlin gelandet. Sie bietet alle Möglichkeiten – und die sind auch medizinisch und juristisch korrekt.

Die Zentralstelle hat auf der Homepage zwar ein Onlineformular, aber auch damit, habe ich festgestellt, kommen maximal zehn Prozent der Menschen zurecht. Es bedarf der Erklärung, was die einzelnen Punkte bedeuten, was es für einen Vorteil oder Nachteil hat, wenn ich etwas ankreuze, was die Folgen sind.

Die Menschen drucken also das Formular aus und kommen dann damit zu Ihnen?

Pfeifer: Der Antrag steht im Internet, die meisten kommen zu mir, weil sie von mir gehört haben, und gemeinsam füllen wir den Antrag im Internet dann aus. Die meiste Zeit braucht es, um zu klären, was die einzelnen Fragen bedeuten und welche Folgen sie haben können.

Ich kann aber auch mit einem Papierantrag kommen, den ich irgendwoher habe?

Pfeifer: Da würden wir Berater nicht helfen, denn vor den Tausenden Formularen, die es im Internet gibt, wird ausdrücklich gewarnt. Sie sind in der Regel medizinisch und juristisch nicht korrekt. Die Zentralstelle Patientenverfügung hat 2009 mit an der Gesetzgebung gearbeitet und sie hat vor allem die Fachmediziner und Fachjuristen, um die Patientenverfügung in den Formulierungen vernünftig darzustellen. Daran scheitern die meisten Formulare, selbst die, die es in den Gemeinden gibt, sie sind meist juristisch oder medizinisch nicht mehr verbindlich.

Wer kommt denn zu Ihnen? Sind es vor allem ältere Menschen oder auch junge Leute?

Pfeifer: In der großen Menge ist es die ältere Generation, ich sage mal so ab 40 Jahren aufwärts. Die Menschen haben sich Gedanken gemacht, wenn ein Krankenhausaufenthalt bevorsteht oder wenn in der Familie etwas passiert oder im persönlichen Umfeld, dass man etwa von jemandem gehört hat, der ins Krankenhaus kam, gestorben ist oder lange dort gelegen und gelitten hat, weil keine Patientenverfügung da war. Weil die Menschen in der Regel erst später unter mehreren Krankheiten leiden oder auch die Lebenserfahrung haben, kommen eher Ältere zu mir. Erforderlich wäre eine Patientenverfügung aber für jeden, der die Volljährigkeit erreicht hat.

Wie viele Hilfesuchende kommen im Jahr zu Ihnen?

Pfeifer: So um die 100.

Bei der Patientenverfügung ist es wie beim Organspendeausweis. Viele tun sich schwer damit. Warum?

Pfeifer: Es geht um Dinge, über die man nicht gern spricht, über Themen unmittelbar vor dem Tod, über schwere Krankheiten, Themen, bei denen man seinen Willen nicht mehr äußern kann und anderen „ausgeliefert“ ist – aber eben immer nur dann, wenn man keine Patientenverfügung hat.

Ihr Werbespruch für die Patientenverfügung wäre…?

Pfeifer: Lassen Sie mich mal kurz überlegen …. Es ist nie zu früh, aber auch nie zu spät, aber man sollte es auf jeden Fall tun, damit man seinen Willen festgelegt hat, wenn man ihn selbst nicht mehr äußern kann.

Es gibt die Angst, dass man eine Patientenverfügung gemacht hat, es sich später anders überlegt, es aber nicht mehr mitteilen kann…

Pfeifer: Wenn man seinen Willen nicht mehr äußern oder festlegen kann, kann man sich in der Regel auch nichts mehr anders überlegen. In der Zeit davor ist es immer möglich, seine Patientenverfügung ständig anzupassen, wenn man das will. Es ist nicht so, dass man einmal etwas festgelegt hat und es ist damit zu Ende ist, sondern man kann das jederzeit anpassen und ändern.

Was mache ich mit der ausgefüllten Verfügung? Muss ich sie beim Notar hinterlegen, kann ich sie in den Küchenschrank packen…?

Pfeifer: Man sollte die Patientenverfügung griffbereit haben, dass man sie, wenn man zum Beispiel einen häuslichen Unfall hat oder erkrankt, sofort findet. Wo ist das? In der Regel im Schlafzimmer oder dort, wo Verwandte, Bekannte, Mitbewohner wissen, dass dort solche Unterlagen sind. Und ein zweites oder auch drittes Exemplar bekommt der Bevollmächtigte, der Ihr Sprachrohr ist, dem Sie vorher gesagt haben, um was es geht, warum Sie was wie festlegt haben und den Sie bitten: Stell’ sicher, dass die Dinge so umgesetzt werden.

Bekommen Sie etwas von den Schicksalen mit, meldet sich jemand und sagt, „Gut, dass wir das gemacht haben?“

Pfeifer: Ja, das bekomme ich mit, und zwar im Vorfeld, wenn Menschen die Situation schildern, dass in ihrem Umfeld etwas passiert ist und wie jemand gelitten hat. Ich kann eine Handvoll Fälle nennen, wo jemand angerufen hat und gesagt hat „Ich bin froh und dankbar, dass die Patientenverfügung vorgelegen hat“. In der Regel tun das die Menschen nicht aus eigenen Gründen, sondern weil sie gesehen haben, dass bei anderen, die keine hatten, letztlich der Wille eines Arztes oder eines gerichtlich bestellten Betreuers gegolten hat. Und ob das der Wille ist, den man selbst gehabt hat, das steht in den Sternen.

Eines möchte ich noch ergänzen: Die Patientenverfügung muss unbedingt ergänzt werden durch eine Vorsorgevollmacht. Wenn man seinen Willen nicht mehr bilden und nicht mehr äußern kann, dann geht es nicht nur um die Krankheit, sondern es geht auch darum, was passiert auf der behördlichen Seite? Wer ist dort mein Sprachrohr? Das kann man nicht in einer Patientenverfügung, sondern nur in einer Vorsorgevollmacht regeln. Das wird dann im Gespräch mit mir ebenso festgelegt wie die Namen der Bevollmächtigten; sie sollten aber natürlich darüber informiert sein.

Info/Kontakt: Günter Pfeifer, Aßlar-Werdorf, (0 64 43) 1 319, www.patientenverfuegung-online.net

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